Diktat Nominalisierte Verben Und Adjektive
Die deutsche Sprache ist bekannt für ihre Präzision und Ausdruckskraft. Doch manchmal, besonders im akademischen und bürokratischen Bereich, neigt sie zu Konstruktionen, die den Lesefluss erheblich beeinträchtigen können: Nominalisierungen. Dieser Artikel widmet sich dem Phänomen des "Diktats nominalisierter Verben und Adjektive" und untersucht, warum es problematisch ist, wie es entsteht und wie man es vermeiden kann. Wir werden uns eingehend mit den Gründen für die Verwendung von Nominalstil auseinandersetzen und zeigen, wie ein aktiver, verborientierter Stil Texte verständlicher und ansprechender macht.
Was sind Nominalstil und Nominalisierung?
Nominalstil beschreibt einen Schreibstil, der stark auf Substantive (Nomen) anstatt Verben basiert. Nominalisierungen sind dabei der Kern des Problems. Sie entstehen, wenn Verben oder Adjektive in Substantive umgewandelt werden. Anstatt zu sagen "Der Politiker argumentiert", formuliert man beispielsweise "Die Argumentation des Politikers". Anstatt "Es ist wichtig, dass man handelt", heißt es "Die Wichtigkeit des Handelns".
Warum ist Nominalstil problematisch?
Der übermäßige Gebrauch von Nominalstil führt zu einer Reihe von Problemen:
- Erhöhte Komplexität: Nominalstil macht Sätze unnötig lang und kompliziert. Die eigentliche Handlung wird oft in einem Nomen versteckt, wodurch der Satz schwerfälliger wird.
- Verschleierung von Akteuren: Oftmals wird durch Nominalisierung verschleiert, wer die Handlung ausführt. Wer argumentiert in dem Beispiel "Die Argumentation des Politikers"? Das Subjekt wird weniger deutlich.
- Passivkonstruktionen: Nominalstil begünstigt den Gebrauch von Passivkonstruktionen, was die Texte weiter verkompliziert und die Verantwortlichkeit verwischt.
- Abstraktheit: Nominalstil macht Texte abstrakter und weniger lebendig. Der Leser hat Schwierigkeiten, sich die Handlungen und Vorgänge vorzustellen.
- Schlechtere Lesbarkeit: All diese Faktoren zusammen führen zu einer schlechteren Lesbarkeit und Verständlichkeit. Leser müssen sich mehr anstrengen, um den Inhalt zu erfassen.
Die Ursachen des Nominalstils
Warum verwenden Autoren überhaupt Nominalstil, obwohl er so viele Nachteile hat? Es gibt verschiedene Gründe:
Der Wunsch nach Objektivität und Wissenschaftlichkeit
Gerade in akademischen Texten herrscht oft der Irrglaube, dass Nominalstil objektiver und wissenschaftlicher wirkt. Man glaubt, dass die Verwendung von Substantiven anstelle von Verben den Text distanzierter und somit glaubwürdiger macht. Dies ist jedoch ein Trugschluss. Klare und präzise Sprache, die die Handlung deutlich benennt, ist weitaus wissenschaftlicher als verschwurbelte Nominalkonstruktionen.
Gewohnheit und Tradition
In manchen Fachbereichen hat sich der Nominalstil aus Gewohnheit und Tradition etabliert. Ältere Publikationen dienen als Vorbild, und der Stil wird unreflektiert übernommen. Dies führt dazu, dass der Nominalstil perpetuiert wird, obwohl er nicht optimal ist.
Der Wunsch nach Autorität und Distanz
Manchmal wird Nominalstil auch bewusst eingesetzt, um Autorität und Distanz zu erzeugen. Der Autor möchte sich von der Materie distanzieren und seine Überlegenheit demonstrieren. Dies kann jedoch dazu führen, dass der Text unzugänglich und arrogant wirkt.
Bürokratische Sprache
In der Bürokratie ist der Nominalstil weit verbreitet. Er dient dazu, Gesetze und Verordnungen vermeintlich präzise und unmissverständlich zu formulieren. In der Realität führt er jedoch oft zu Unklarheiten und Missverständnissen.
Wie vermeidet man Nominalstil?
Die gute Nachricht ist: Nominalstil lässt sich vermeiden. Hier sind einige Strategien:
Verben statt Substantive
Wandeln Sie Nominalkonstruktionen in aktive Verben um. Anstatt "Die Durchführung der Untersuchung" schreiben Sie "Wir führen die Untersuchung durch". Anstatt "Die Entwicklung einer neuen Strategie" schreiben Sie "Wir entwickeln eine neue Strategie".
Konkrete Subjekte
Benennen Sie die Akteure, die die Handlung ausführen, explizit. Wer handelt? Wer entscheidet? Wer analysiert? Machen Sie das Subjekt des Satzes deutlich.
Aktiv statt Passiv
Vermeiden Sie Passivkonstruktionen. Statt "Die Ergebnisse wurden analysiert" schreiben Sie "Wir haben die Ergebnisse analysiert".
Einfache Sprache
Verwenden Sie einfache und verständliche Sprache. Vermeiden Sie Fachjargon und komplizierte Satzkonstruktionen.
Bewusstsein schärfen
Seien Sie sich der Problematik des Nominalstils bewusst und achten Sie bewusst auf Ihren eigenen Schreibstil. Überprüfen Sie Ihre Texte kritisch und suchen Sie nach Nominalkonstruktionen, die Sie umformulieren können.
Beispiele aus der Praxis
Beispiel 1 (Nominalstil): Die Implementierung des Projekts erfolgte nach eingehender Prüfung der Machbarkeit durch die Projektleitung.
Beispiel 1 (Verborientierter Stil): Die Projektleitung implementierte das Projekt, nachdem sie die Machbarkeit eingehend geprüft hatte.
Beispiel 2 (Nominalstil): Die Antragstellung auf Fördermittel ist bis zum 30. Juni möglich.
Beispiel 2 (Verborientierter Stil): Sie können bis zum 30. Juni Fördermittel beantragen.
Beispiel 3 (Nominalstil): Die Erhöhung der Steuern führte zu einer Steigerung der Einnahmen.
Beispiel 3 (Verborientierter Stil): Die Erhöhung der Steuern steigerte die Einnahmen.
Nominalstil in Zahlen?
Es ist schwierig, den Gebrauch von Nominalstil quantitativ zu erfassen. Jedoch haben Studien zur Textverständlichkeit gezeigt, dass Texte mit hohem Nominalisierungsgrad schlechter verstanden werden. Eine Studie der Universität Hamburg beispielsweise zeigte, dass Texte mit hohem Anteil an Nominalkonstruktionen bis zu 20% langsamer gelesen werden und die Verständlichkeit um bis zu 15% sinkt. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, den Nominalstil zu vermeiden, um die Effektivität der Kommunikation zu erhöhen.
Fazit und Aufruf zum Handeln
Der Nominalstil ist ein Hindernis für klare und verständliche Kommunikation. Er verkompliziert Texte, verschleiert Akteure und macht sie abstrakt. Indem wir uns bewusst machen, wie Nominalstil entsteht und wie man ihn vermeidet, können wir unsere Texte lesbarer, verständlicher und ansprechender machen. Es ist an der Zeit, dem Diktat des Nominalstils zu entkommen und zu einem aktiven, verborientierten Schreibstil überzugehen. Dies ist nicht nur eine Frage der Ästhetik, sondern auch eine Frage der Effektivität und des Respekts gegenüber dem Leser. Überprüfen Sie Ihre eigenen Texte kritisch und versuchen Sie, Nominalkonstruktionen zu vermeiden. Fördern Sie einen klaren und präzisen Schreibstil in Ihrem Umfeld. Nur so können wir die deutsche Sprache von der Last des Nominalstils befreien und eine bessere Kommunikation ermöglichen.
