Orale Phase Störungen Und Folgen
Die orale Phase, ein Begriff aus der Psychoanalyse, beschreibt eine frühe Entwicklungsstufe im Leben eines Kindes. Eine orale Phase Störung entsteht, wenn die Bedürfnisse des Kindes in dieser Phase nicht ausreichend oder übermäßig befriedigt werden. Das beeinflusst seine Persönlichkeitsentwicklung.
Was passiert in der oralen Phase?
Stell dir vor, ein Baby entdeckt die Welt hauptsächlich mit seinem Mund. Saugen, Beißen, Lutschen – alles dient der Befriedigung von Hunger und dem Erleben von Geborgenheit. Die orale Phase erstreckt sich etwa von der Geburt bis zum 18. Lebensmonat. In dieser Zeit ist die Mundregion die Hauptquelle für Lust und Befriedigung. Babys erkunden Objekte, beruhigen sich selbst und bauen eine erste Beziehung zur Welt auf, alles durch den Mund.
Eine gesunde orale Phase bedeutet, dass das Baby genügend Nahrung, Zuneigung und Trost erhält. Es lernt, dass seine Bedürfnisse befriedigt werden und entwickelt ein Grundvertrauen in seine Umwelt.
Was sind orale Phase Störungen?
Eine orale Phase Störung entsteht, wenn die Bedürfnisse in dieser Phase nicht angemessen erfüllt werden. Das kann auf zwei Arten geschehen:
- Frustration: Das Baby wird nicht ausreichend gefüttert, bekommt wenig Zuneigung oder wird beim Saugen und Erkunden zu stark eingeschränkt.
- Übermäßige Befriedigung: Das Baby wird ständig überfüttert, bekommt jeden Wunsch sofort erfüllt oder wird übermäßig behütet.
Beides kann dazu führen, dass das Kind in dieser Entwicklungsstufe "stecken bleibt". Es entwickelt unbewusste Strategien, um die unbefriedigten Bedürfnisse aus der oralen Phase im späteren Leben zu kompensieren.
Mögliche Folgen von oralen Phase Störungen
Die Auswirkungen einer oralen Phase Störung können vielfältig sein und sich im Erwachsenenalter zeigen. Typische Verhaltensweisen und Persönlichkeitsmerkmale, die damit in Verbindung gebracht werden, sind:
- Oral-rezeptiver Charakter: Menschen mit diesem Charaktertyp sind oft sehr bedürftig, anhänglich und passiv. Sie suchen ständig nach Bestätigung und Zuneigung von anderen. Man könnte sagen, sie "saugen" die Aufmerksamkeit anderer auf.
- Oral-aggressiver Charakter: Diese Menschen sind oft streitsüchtig, sarkastisch und ausbeuterisch. Sie versuchen, ihre Bedürfnisse mit Zwang und Manipulation durchzusetzen. Sie "beißen" sich durchs Leben.
Darüber hinaus können sich orale Fixierungen auch in konkreten Verhaltensweisen äußern:
- Essen: Essstörungen wie Übergewicht, Bulimie oder Magersucht können mit unbefriedigten Bedürfnissen in der oralen Phase zusammenhängen. Essen wird dann zum Ersatz für Geborgenheit und Liebe.
- Suchtverhalten: Rauchen, Alkoholismus oder andere Suchterkrankungen können ebenfalls eine Kompensation für fehlende Befriedigung in der Kindheit darstellen. Der Griff zur Zigarette oder Flasche wird zum Beruhigungsversuch.
- Sprechen: Übermäßiges Reden, Klatschsucht oder ein ständiges Bedürfnis, im Mittelpunkt zu stehen, können ebenfalls Anzeichen einer oralen Fixierung sein.
Wichtig zu wissen
Es ist wichtig zu betonen, dass nicht jedes Kind, das als Baby viel gesaugt hat, später automatisch eine orale Phase Störung entwickelt. Auch bedeutet das Vorhandensein einiger der genannten Verhaltensweisen nicht zwangsläufig, dass eine solche Störung vorliegt. Die Psychoanalyse betrachtet solche Zusammenhänge immer im Kontext der gesamten Persönlichkeitsentwicklung. Wenn jedoch deutliche Probleme oder belastende Verhaltensweisen auftreten, kann eine therapeutische Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit hilfreich sein, um unbewusste Muster zu erkennen und zu verändern.
Die orale Phase ist eine wichtige Grundlage für die spätere Persönlichkeitsentwicklung. Ein liebevoller und bedürfnisorientierter Umgang mit dem Kind in dieser Phase ist daher entscheidend für ein gesundes Selbstvertrauen und stabile Beziehungen im Erwachsenenalter.
